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NACHTWANDEL - GEBURT EINER IDEE
Es war an einem Winterabend im Jahr 2003. Eines der vielen Treffen der
Künstlergruppe Laboratorio17 war zu Ende gegangen. Die Gruppe hatte
sich ausgetauscht, diskutiert, (natürlich auch getrunken und geraucht),
Konzepte ent- und verworfen und war schließlich zu einem Konsens
für ein Veranstaltungskonzept für die ›Lange Nacht der
Museen‹ gekommen. Es war spät geworden und ein paar der Künstler
wurden nicht müde und schienen zu dieser fortgeschrittenen Stunde
erst richtig warm zu laufen. Und plötzlich stand im Raum: »Man
müsste mal die ganzen leer stehenden Läden mit Leben füllen!
Das wäre eine tolle Sache!« Wie würde
das aussehen, wenn die vielen geschlossenen Rollläden hochgezogen
wären und die Räume, Hinterhöfe, Straßen und Plätze
mit Leben gefüllt wären? Keiner wusste später noch zu
sagen, wer der eigentliche Autor des Ur-Gedankens war. Aber die Idee
war geboren. Und sie ging nicht mehr aus den Köpfen.
EINIGE WORTE ZU UNS
Wir – das Künstlernetzwerk Laboratorio17 – haben uns
im Sommer 2003 formiert. Gefunden haben wir uns als Teilnehmer der Workshop-Reihe
›Kunst und Kultur als bewegende Kräfte für einen lebendigen
und vielfältigen Jungbusch‹, die vom Quartiermanagement und
dem Kulturamt der Stadt Mannheim seit dem Frühjahr 2002 veranstaltet
worden war. Mitglieder der Initiative sind Künstlerinnen und Künstler
aus den unterschiedlichsten Bereichen, darunter Fotografen, Maler, Bildhauer,
Autoren, Film- und Theatermacher, Grafiker, Architekten, Musiker...
Kurzum ein offener Verbund von Künstlerinnen und Künstlern,
die entweder im Jungbusch ansässig sind oder jungbusch-inspiriert
dort arbeiten wollen. Auf unserer Fahne steht, Unterschiede, Spannungen,
Widersprüche und Konflikte, die den multi-ethnischen Jungbusch
ausmachen, kreativ zu bearbeiten, mit Kunst und Kultur das vorhandene
Potential des Stadtteils und seiner Bewohner sichtbar zu machen und
in ein anderes Licht zu stellen. Dazu treffen wir uns alle 14 Tage in
den Räumlichkeiten in der Jungbuschstraße 17 und entwickeln
neue Ideen oder bereiten gemeinsame Aktionen vor.
NACHTWANDEL - WACHSEN UND WERDEN EINER IDEE 1
Unsere Absicht war es, mit unserer (damals noch namenlosen) Aktion sowohl
die Bewohner des Jungbusch zu mobilisieren als auch einen Anreiz zu
schaffen, die Nase in einen Stadtteil zu stecken, um den viele MannheimerInnen
einen großen Bogen machen. Die Veranstaltung sollte sowohl nach
innen strahlen und die ›Jungbuschler‹ ansprechen und integrieren,
wie auch nach außen wirken und die Vielfältigkeit und Lebendigkeit
des Jungbusch repräsentieren. Kunst und Kultur sollten dabei ein
Ausdrucksmittel menschlicher Gefühle, Sehnsüchte, Wünsche,
Werte und Bedürfnisse sein. Läden und andere signifikante
Örtlichkeiten des Stadtteils sollten aus dem Dornröschenschlaf
erwachen. Wir wollten gleichzeitig Defizite und Stärken des Jungbuschs
darstellen.
In vielen langen Brainstorming-Sitzungen entstanden zunächst einmal
zahlreiche Themenblöcke, die sich immer mehr auf eine gemeinsame
Linie verdichteten. Ausgangspunkt war die Geschichte des Stadtteils
als Hafen- und Handelszentrum.
DER JUNGBUSCH GESTERN
Der Jungbusch ist historisch gesehen das Hafen- und Handelsviertel Mannheims.
Zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts war es ein bürgerliches
Viertel, das eine gewachsene Infrastruktur hatte. Der Glanz früherer
Tage lässt sich auch heute noch an den Fassaden und an der Vielzahl
von Ladengeschäften ablesen, von denen allerdings zurzeit ettliche
ungenutzt leer stehen und die momentane (defizitäre) Situation
des Jungbusch dokumentieren. Der Stadtteil zeichnete sich in früheren
Zeiten durch ein reges Tag- und Nachtleben aus. Tagsüber wurde
gearbeitet und gehandelt, die Straßen waren erfüllt von Leben
und abends und nachts wurden erfolgreiche Abschlüsse gefeiert oder
einfach die Heuer in Wein und Bier umgesetzt. Zahlreiche Handelskontore,
Badehäuser, viele kleine Läden, Werkstätten, kleine Manufakturen,
Werftanlagen und große Industrieanlagen waren Zeichen eines intakten
urbanen Lebens.
NACHTWANDEL - WACHSEN UND WERDEN EINER IDEE 2
Handel war für uns in vielerlei Hinsicht ein wichtiges Stichwort
in unseren Überlegungen für die zu planende Veranstaltung.
Handel war traditionell schon immer Impulsgeber für die Entwicklung
von Menschen und Orten. Da, wo gehandelt wurde, entstanden prosperierende
Städte, entstanden neue Ideen, begegneten sich verschieden Kulturen,
verständigte man sich in verschiedenen Sprachen, tauschte sich
und Waren aus, fanden Neuerung und Wachstum statt. Das war uns Anlass
genug, Handel als zentrales Thema unserer Veranstaltung zu wählen.
Und zwar in seinem doppelten Wortsinn: Handel als Akt von Austausch
und Kommunikation und handeln im Sinne von aktiv werden. Wir wollen
mit künstlerischen Mitteln Angebote schaffen, die den Bewohnern
und Besuchern Gelegenheit geben (inter)aktiv zu werden. Sie sollen durch
ihre Anwesenheit einen Beitrag zum Gelingen des Ganzen beisteuern.
DER JUNGBUSCH HEUTE
Der Jungbusch ist ein Stadtteil im Umbruch. Das Image des Rotlicht-Bezirks
stimmt schon lange nicht mehr. Heute zeichnet er sich aus durch einen
hohen Einwohneranteil von Menschen mit Migrationshintergrund mit den
oft dazugehörenden sozialen Problemen. Aber der Jungbusch ist auch
schon lange Rückzugs- und Aktionsraum von vielen Künstlern.
Es befinden sich nicht nur einige Ateliers und Proberäume im ›Busch‹,
zahlreiche Künstler haben auch ihren Lebensmittelpunkt in das bunte
multikulturelle Viertel verlagert. Seit 2003 haben sich auch Popakademie
und Musikpark dazu gesellt, die mit ihren Kapazi-täten die vorhandenen
kreativen Kräfte aufstocken und neue Impulse setzen.
NACHTWANDEL - WACHSEN UND WERDEN EINER IDEE 3
Eine Aktionsnacht sollte es werden, weil wir den Aspekt des Nachtlebens
im Jungbusch, der in vielen Köpfen noch verankert ist, berücksichtigen
wollten. Wir wollten dieses Nachtleben einmal anders gestalten, etwas
näher an der Wirklichkeit.
Daraus ergab sich auch bald ein Titel für die bis dahin namenlose
Veranstaltung: Nachtwandel. Auch hier ein doppelter Sinn: Durch die
Nacht wandeln im Sinn von langsam, gemessenen Schrittes, meist ohne
Ziel sich fortbewegen (Deutsches Universalwörterbuch) und Wandel
in der Bedeutung von Veränderung.
Wichtig war uns, sowohl Orte der Vergangenheit wie beispielsweise das
alte Saunabad als auch Orte, die in der Gegenwart eine bedeutende Rolle
im Stadtteil einnehmen, zu bespielen. So erging auch unsere Einladung
an die Kirchen, Moscheen, die Kneipen und last not least an die ›Tanke‹,
die als nächtlicher Treff- und Versorgungspunkt vom Jungbusch nicht
wegzudenken ist.
Die Idee und das Konzept fielen beim Quartiermanagement auf sehr fruchtbaren
Boden und gemeinsam ging es dann mit Unterstützung von Kulturamt
und Stadtmarketing an die praktische Umsetzung. Ein Beispiel von gelungener
Kooperation! Freie Szene meets Institution. Jeder warf sein Knowhow
in einen Topf und heraus kam ein gemeinsamer Strang, an dem man auch
gemeinsam zog mit einem ganz tollen Ergebniss.
AUF EIN NEUES – NACHTWANDEL 2008 JETZT IN DER FÜNFTEN
AUFLAGE
Es ist uns ein wichtiges Anliegen, im Jungbusch ansässige Künstler,
Vereine, Initiativen und Institutionen für unser Vorhaben zu begeistern
und sie zu integrieren. Wir sind stolz, dass so viele die Chance sehen,
sich und ihr Wirken auf der Plattform Nachtwandel zu präsentieren.
Wir freuen uns sehr, dass unsere Idee so sehr gezündet hat und
dass es uns gelungen ist, zusammen mit dem Quartiermanagement Jungbusch
ein Kultur-Event zu schaffen, der für einige tausend Bewohner und
Besucher ein nachhaltiges Erlebnis geworden ist. Wir freuen uns darauf,
in diesem Jahr den Nachtwandel zum fünften mal durchführen zu können
und wünschen Ihnen viel Spaß beim Erkunden der überraschenden
Programmpunkte spannenden Veranstaltungsorte.
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